I-Punkt digital

In der Ausgabe Nummer 39-2020 (Juni) war zu lesen ...

 

Liebe Leserinnen und Leser,

auf dem Titelbild sehen Sie einen einladenden Sitzplatz, aber kein Mensch hat dort Platz genommen. Man könnte das Stillleben als Symbol für den „Shutdown“ nehmen, den wir in diesen Wochen gerade beendet haben. Zwei leere Stühle, verwaiste Spielplätze und Klassenzimmer, stille Großstadtstraßen: Die Pandemie veränderte unser Leben in einer Weise, wie wir es nie zuvor erlebt hatten. „Bleiben Sie so oft es geht zu Hause“, hieß die Grundregel, und dieser Hinweis verhinderte jeden Kurztrip zu einem interessanten Tourismusziel, die längst geplante Osterreise oder das Familientreffen, auf das man sich gefreut hatte. Der Veranstaltungskalender, der Sie immer zusammen mit dem iPunkt erreicht, konnte entsorgt werden, denn letztlich war alles gestrichen: Klassenspiele, Konzerte, Eurythmieabschluss, Sommermarkt.

Die Warnsignale schrillten besonders für diejenigen unter uns, die zur Risikogruppe gehören: Wir sollten uns am besten unsichtbar machen! In der Rudolf Steiner Schule bildete sich ein Krisenteam, das mit unendlicher Geduld und unzähligen Sitzungsstunden das Schulschiff durch den Sturm steuerte. „Die Schulen werden ab Dienstag, dem 17. März geschlossen“, hieß es lapidar in einer Mail, und diese Mitteilung fühlte sich längst nicht so lustig an, wie das Schild am Schultor im Film „Die Feuerzangenbowle“: Wegen Bauarbeiten geschlossen.

Und dann begannen die Mails sich zu füllen mit Worten, deren Sinn manchen von uns fremd blieb: Lernplattform, open-source Angebot, inverted classroom, virtueller Unterricht, um nur einige zu nennen. Als Kriegsvorschulkind hörte ich in den vierziger Jahren im Radio immer wieder das Wort „Bruttoregistertonnen“, das sich offensichtlich auf versenkte Schiffe bezog – der Klang des Wortes faszinierte mich, aber die Bedeutung des Vorgangs entzog sich meinem Verständnis. Damals diktierte der Krieg unsere Lebensbedingungen, heute ist es die Pandemie. Damals waren es die Kindergasmaske und die Lieblingspuppe, die ich mit in den Keller schleppte, wenn Fliegeralarm war – heute wappnen wir uns mit Abstandsregeln und Mundschutz, wenn wir das Haus verlassen.

Zum Glück sind die Stühle, die Sie auf dem Titelbild sehen, nicht mehr verlassen: Wenn Sie die Patisserie von Gil Avnon ansteuern, dürfen Sie gern Platz nehmen (der Bericht steht auf Seite 1) Die interessanten Reiseziele, die wir Ihnen auf der Seite 2 vorstellen, sind noch nicht so einfach zu erreichen. Sorgenvoll denken wir an die drei Waldorfschulen in der Ferne: Wie mag es den Menschen dort gehen?

Ich wünsche uns allen ein baldiges, echtes Wiedersehen ohne virtuelle Hilfsmittel.

Bleiben Sie gesund und genießen Sie den Sommer und das Licht.

Ihre Gisela Schuster