Stolpersteine für ehemalige Schülerin der Rudolf Steiner Schule

Alles, was man aus Edith Fraenkels kurzem Leben erfahren konnte, ist mir vertraut, es kommt mir vor, als ob ich ihre Gedanken, ihre Sehnsüchte und Enttäuschungen kenne. Natürlich weiß ich, dass das ein Irrtum ist, die Gefühle und Gedanken eines anderen, selbst wenn man ihm nahesteht, bleiben die eines anderen, sein Geheimnis. Und es gab Edith Fraenkel schon nicht mehr, als ich geboren wurde. Sie war nur noch ein Name auf vergilbendem Papier, später auch auf einem Granitstein auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee. Aber dort wurde sie nicht begraben, sie hat nur ein „Grab in den Lüften, da liegt man nicht eng“, wie der Dichter Paul Celan wusste. Nicht einmal die Häuser, in denen sie gelebt hat, gibt es mehr; ihre Mutter, ihr Kind, ihre Freunde wurden vor der Zeit aus dem Leben gerissen. Doch Harry Cühn, der sie geliebt hat und Vater des kleinen Uri war, lebte noch, als ich vor Jahren nach Edith Fraenkels Spuren suchte. Ich traf Harry Cühn, ich traf Helmut Koberg und seine Frau Gisela, die mit Edith in eine Klasse der Rudolf-Steiner-Schule gegangen waren und mich mit ihrer Schulfreundin Lore bekannt machten…

Inzwischen leben auch die letzten nicht mehr, die Edith gekannt haben. Aber vor einiger Zeit war ich an der Rudolf-Steiner-Schule in Zehlendorf, wo die Schülerinnen und Schüler mit ihren Lehrern einen Gedenkstein für die jüdischen Mitschüler errichtet haben, die in den dreißiger Jahren dort lernten. Ein Gedenkstein für die Vertriebenen und Ermordeten. Zu der Einweihung waren auch Eltern und Geschwister der heutigen Schüler gekommen und da wurde auch Ediths Name genannt und ich sah, dass das, was ich an Zeugnissen und Spuren zusammengesucht hatte, gelesen und verstanden worden war.

Und nun, am 23. Oktober 2019 wurden zwei Stolpersteine verlegt in der Sächsischen Straße, Ecke Düsseldorfer, das war die Adresse von Edith und ihrer Mutter Olga gewesen, bevor sie ins „Judenhaus“ umziehen mussten. In der Parterrewohnung des Seitenflügels hatten sie gewohnt, Olga hatte dort einen Mittagstisch für alte jüdische Damen unterhalten, sich und Edith mühsam davon ernährt. Das an Stelle des zerbombten errichtete Haus in der Sächsischen Straße 10 haben Olga und Edith Fraenkel nie sehen können, aber wo sonst hätte man ihrer gedenken sollen. Unter denen, die zu der Verlegung gekommen waren, stand ein älterer Mann, Roland Pachali, der eine besondere Beziehung zu Edith Fraenkel hat, die er nie sah. Aber seine Mutter hatte als Kind mit Edith gespielt, deren Mutter hatte die kleine Edith sogar einmal gezeichnet, später verlor sich die Beziehung, aber Roland Pachali wusste, wer Edith Fraenkel war, er war es, der sich jahrelang unbeirrbar um diesen Stolperstein bemühte. Schülerinnen und Schüler der zehnten Klasse der Rudolf-Steiner-Schule waren mit einigen Lehrerinnen und Lehrern gekommen, sie hatten ein Programm vorbereitet. Sie rezitierten Ediths Lieblingsspruch: „Erst wenn ich Lichtes denke, leuchtet meine Seele…“, sie sangen und spielten Geige. Und sie erzählten von Edith, lasen Auszüge aus einem Zuchthausbrief, aus dem Gnadengesuch, das ihr Verlobter vergeblich an den Oberreichsanwalt stellte. Man spürte die Fassungslosigkeit, die Bewegung in den jungen Gesichtern, ein Mädchen sprach davon, wie sie alle sich gerade einen Platz im Leben suchen, aufs Studium oder die Ausbildung vorbereiten und dass dies Edith verwehrt geblieben war. Auch die beiden jungen Männer von der Fachgemeinschaft Bau, die die Stolpersteine geschickt ins Straßenpflaster einarbeiteten, sind so alt, wie Edith Fraenkel gewesen war, als sie die mörderische Ausgrenzung erlebte, gegen die sie sich mit ihren Freunden zur Wehr setzen wollte.

Irgendwann drängte sich ein Mann mit einem Hund durch die Menschengruppe, die sich auf dem Bürgersteig versammelt hatte. Vielleicht hatte er nicht begriffen, worum es ging, vielleicht hat er es genau gewusst, sein böser, betont gleichgültiger Gesichtsausdruck, diese Rücksichtslosigkeit hatte etwas Brutales und erinnerte schmerzhaft daran, dass es bei dieser Stolpersteinverlegung nicht zuerst um die Vergangenheit geht.

Als die schöne Feierstunde zu Ende war, blieben die schimmernden Messingsteine, umgeben von Rosen, zurück. Ein Stolperstein zeigt nur die Daten, er trägt nicht die Erinnerung, die müssen Menschen weitertragen. Doch als ich da unter den anderen stand und den jungen Schülern der Rudolf-Steiner-Schule zuhörte, wusste ich: Keiner von ihnen wird vergessen, wer Edith Fraenkel war, was ihr und ihrer Mutter Olga geschehen ist.

In einem der letzten Gedichte von Rose Ausländer fragt sie: „Wenn ich fortgehe / von unsrer vergeßlichen Erde / wirst du mein Wort / ein Weilchen/ für mich sprechen?“

In dem, was die Schülerinnen und Schüler der Rudolf-Steiner-Schule in Zukunft sprechen werden, in dem, was sie tun, wird vielleicht etwas von Edith Fraenkel mitschwingen.

Regina Scheer