Engagement

Ehemalige

Stolpersteine für ehemalige Schüler:innen der Rudolf Steiner Schule

Am 23. Oktober 2019 wurden zwei Stolpersteine in Berlin-Charlottenburg vor dem ehemaligen Wohnort von Edith Fraenkel und ihrer Mutter in der Sächsischen Straße 10/11 gesetzt.

Edith Fraenkel besuchte von 1928 bis zu ihrer endgültigen Schließung im Jahr 1938 die Rudolf Steiner Schule in Berlin (damals zunächst in Kreuzberg, dann in der Otto-Suhr-Allee und „am Knie“, dem heutigen Ernst-Reuther-Platz, in Charlottenburg), bis sie durch die Rassengesetze des Nationalsozialismus in die Rechtlosigkeit verbannt wurde. Sie wurde 1922 als Kind jüdischer Eltern geboren. Nach dem Schulabschluss der 10. Klasse und einer kurzen Lehrzeit in einem „Mäntel und Kostüme Engrosgeschäft“ musste sie ab 1940 Zwangsarbeit bei Siemens leisten.

Danach wurde sie verhaftet und kam ins Gefängnis (Anklage: Sie hatte längeren Kontakt zur jüdischen Widerstandsgruppe Herbert Baum), wurde in das Todeslager Theresienstadt deportiert und landete 1944 in Auschwitz. Dort verliert sich ihre Spur.

Schüler:innen der 10. Klasse der Rudolf Steiner Schule Berlin umrahmten die Verlegung der Stolpersteine mit Musik und Lesungen, unter anderem aus dem herzzerreißenden Gnadengesuch für Edith Fraenkel von ihrem Verlobten Harry Cühnan an den Oberreichsanwalt beim Volksgerichtshof sowie aus einem Brief Edith Fraenkels aus dem Zuchthaus Cottbus an ihren Verlobten.

Anwesend bei der Verlegung der Stolpersteine waren auch Frau Barbara Schieb von der Gedenkstätte Stille Helden in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand sowie Frau Regina Scheer, Autorin des Buches “Im Schatten der Sterne”, in dem die Geschichte der Herbert-Baum-Gruppe historisch aufgearbeitet wird. Nach Öffnung der Archive rekonstruierte Regina Scheer das, was wirklich geschah, aus Briefen, Kassibern und Gnadengesuchen, aus Berichten der wenigen Überlebenden sowie aus Unterlagen der Gestapo und Stasi-Akten. Dabei entstand ein eindrucksvolles und erschütterndes Bild dieser Jugendlichen, die leben und lieben wollten, aber ausgegrenzt waren, weil sie den NS-Gesetzen nach als Juden oder Halbjuden galten. Sie sahen die Wirkungslosigkeit von Losungen und Flugblättern und wollten Zeichen setzen, die beachtet würden. Nur wenige wussten vom Plan eines Brandanschlages im Mai 1942 auf die Hetz-Ausstellung im Berliner Lustgarten Das Sowjetparadies. Doch fast alle, die zum Freundeskreis um Baum gehörten, wurden verhaftet, hingerichtet oder im KZ ermordet, heißt es im Klappentext des Buches.

Die Rudolf Steiner Schule Berlin entschied im Jahre 1937 ihre Selbstschließung, weil das Lehrerkollegium nicht bereit war, den Schwur auf Adolf Hitler zu leisten. In dem darauf folgenden Jahr wurden der Schule noch „Umschulungskurse“ in einem zum Abriss leer stehenden Gebäude am Ernst-Reuther-Platz genehmigt, letztlich in erster Linie für jüdische Kinder, denen es dann fast allen gelang, mit ihren Eltern aus Deutschland auszuwandern.

Edith Fraenkel und ihre Mutter Olga mussten andere Wege gehen. Das bezeugen die frisch verlegten Stolpersteine in der Sächsischen Straße in Berlin-Charlottenburg, dem Bezirk mit den meisten Einwohnern jüdischer Abstammung, bevor die Nazi-Diktatur dem ein jähes Ende setzte und damit dem deutschen Volk einen voll assimilierten Bevölkerungsteil amputierte, einen BevölkerungsVielfaltteil, der Kultur und Wirtschaft in Deutschland enorm befruchtet hatte.

Die Broschüre “Vielfalt fördern” der regionalen Waldorfschulen zum hundertjährigen Bestehen der Waldorfschulen widmet sich auf den Seiten 48 bis 53 der Geschichte der ersten Rudolf Steiner Schule in Berlin und des Bewahrens der ehemaligen jüdischen Schüler:innen vor dem Vergessen.

Detlef Hardorp

Veröffentlichung

I-Punkt digital

In der Ausgabe Nummer 41-2021 (Juni) war zu lesen …

 

Liebe Leserinnen und Leser,

das Titelfoto möchte Sie mitnehmen nach Südkorea, wo es seit einigen Jahren Waldorfschulen gibt. Die „Cheonggye Free Waldorf School“ in Seoul wird von Michael Parson (ehem. Lehrer für Physik und Mathematik) beim Aufbau und Unterricht der Oberstufe beraten: Zweifellos ein großzügiges Geschenk für die Schule! 2019 musste die Reise wegen der Pandemie abgesagt werden, im Frühjahr dieses Jahres konnte sie stattfinden, mit der Auflage, vor der Arbeit mit den Schülern eine zweiwöchige Quarantäne in einem Hotelzimmer zu absolvieren: Lesen Sie den interessanten Bericht im Innern dieses Newsletters.
Korea, ein weit entferntes Land, in dem uns vieles fremd erscheinen mag. Das Haus auf dem Titelfoto wurde in einem Baustil errichtet, der bei uns eher ungewöhnlich ist, aber der Mann, der das Gebäude mit eiligem Schritt verlässt, trägt eine Maske, und dieser Anblick ist nun auch bei uns alltäglich geworden. Die kleinen Stoffteile im Gesicht haben alle Grenzen überwunden: Wir haben uns weltweit an sie gewöhnt – mehr oder weniger. Weltweit gelten auch die Hygiene – und Abstandsregeln, die uns vor Ansteckung mit dem Coronavirus schützen sollen. Jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, sind die Schulen wieder geöffnet, aber nur eine Hälfte der Schüler hat Präsenzunterricht, die andere Hälfte lernt zuhause vor dem heimischen Bildschirm oder mit Arbeitsbögen, die ihnen zugeschickt wurden.
Ich schaue in die Welt, in der die Sonne leuchtet…so beginnt in den Klassen 5 bis 12 mit dem gemeinsamen Sprechen der Unterricht. Jetzt könnte man sagen Ich schaue auf den Bildschirm und das, obwohl Waldorfschulen eher zögerlich mit neuen Technologien umgehen. Thorsten Altmann macht sich in seinem Beitrag (siehe Seite 3) Gedanken darüber, was von den digitalen Hilfsmitteln, die während der Pandemie Unterricht ermöglichen, auch in Zukunft nützlich sein wird.
Auf der letzten Seite dieses Newsletters erfahren Sie etwas über das „neue“ Unterstufenmodell, das jetzt gar nicht mehr so neu ist, aber vielleicht dennoch interessant für die Ehemaligen, die sich an ihre ersten Schuljahre erinnern. Damals gab es auf jeden Fall keinen Lockdown und Masken wurden nur zum Fasching getragen. Ich wünsche mir sehr, dass die Zeiten entspannter sind, wenn Sie diese Zeilen lesen und dass Sie gesund sind und bleiben. Möge der Sommer uns allen neue Kraft schenken.
Auf baldiges Wiedersehen bei einer der Schulveranstaltungen, die hoffentlich bald wieder sein dürfen!

Ihre
Gisela Schuster





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